Luis aus Kolumbien

Für diese Woche haben wir ein Interview mit Luis aus Kolumbien vorbereitet. Er ist nach seinem Studium 2001 nach Spanien ausgewandert. Dadurch hat er einen guten Einblick in beide Kontinente und kann sie miteinander vergleichen. Außerdem hat er als Politikwissenschaftler einen Durchblick über Sachverhalte auf politischer Ebene und ist auf diesem Gebiet gut informiert.

Warum bist du hierher gezogen?Das Guggenheimmuseum in Bilbao

“Ich habe gemerkt, dass ich mit der meiner Studienrichtung im staatlichen Sektor arbeiten müsste. Das würde heißen, ich müsste mich dem korrupten System anpassen, mich korrupten Politikern anschließen, also selbst korrupt werden. Damit war ich nicht einverstanden.  Zuerst habe ich dann noch versucht, in der freien Wirtschaft Fuß zu fassen, aber da das nicht geklappt hat, war die einzige Möglichkeit, das Land zu verlassen. Außer des beruflichen Aspekts gab es auch noch den politischen Aspekt, der eine Rolle spielte. Ich sage mal, es ist sehr traurig, die Nachrichten in Kolumbien anzusehen. Das größte Problem in Kolumbien ist, nicht wie die Medien berichten, die Guerrilla, sondern die politische Korruption. Die Guerrilla ist stattdessen eine Antwort auf diese Korruption”.

ThumbnailWillst du eines Tages in deine Heimat zurückkehren?

“Du vermisst dein Zuhause immer. Du hoffst immer, dass es irgendwann besser wird, dass jeder in diesem Land einmal seinen Platz zugestanden bekommt, dass die Ausgewanderten eines Tages wieder zurückkehren können. Allerdings, um die Situation zu verdeutlichen, allein nach Venezuela sind 5 Millionen Kolumbianer emigriert (bei einer Bevölkerungszahl von 48,32 Mio., Anm. d. Red.)”.

Die Gründe für ihre Auswanderung waren vor allem die Gewalt und Kriminalität, sowie die Vertreibung der Bauern. Diese Vertreibungen haben ihren Ursprung im Raub von Ländereien durch die Paramilitärs. Zudem wird der Druck auf die Bauern verstärkt durch Kriege innerhalb des Drogenhandels, der Guerilla, paramilitärischer Truppen und anderer Gruppierungen. Irgendwann sind die Landwirte gezwungen, umzusiedeln.  Im Moment wandern immer noch viele Bauern und andere Kolumbianer aus, dieser Strom reißt nicht ab.

In unserem Land sind eigentlich genügend Ressourcen vorhanden, um der Bevölkerung ein gutes Leben zu ermöglichen. Allerdings werden diese nicht auf alle Menschen aufgeteilt, sie werden nur unter den Eliten verteilt. Die einfachen Menschen die dort leben, haben am Ende nicht viel vom Reichtum des Landes.

Das heißt, es wäre schön, zurückzukehren, und auf ein Land zu treffen, in dem weniger Gewalt herrschte. Allerdings gibt es Faktoren, die dagegen sprechen.

Abgesehen vom wirtschaftlichen Aspekt, der soziale Faktor, in dem sich viele Probleme abzeichnen. Erstens, die hohe Kriminalitätsrate.  Jemand, der aus Europa kommt, kann sich in Kolumbien nicht genauso verhalten, wie er oder sie das zu Hause getan hat.

Der zweite, meiner Meinung nach wichtigste Punkt, ist die Vorstellung der politischen Eliten von guter Politik, von gutem Regieren”.

Eine typische Küste im BaskenlandWas für eine Vorstellung haben die Kolumbianer von Europa?

“Das hängt von der sozialen Schicht ab. Wenn es um die soziale Ungleichheit geht, ist Kolumbien im weltweiten Vergleich an vierter Stelle. In Lateinamerika ist es das Land mit der größten sozialen Unterschieden. Die Menschen, die keine Schulbildung genießen konnten, haben ein Minimum an Informationen. Sie wissen, dort ist Spanien, das Land das hier Kolonien aufgebaut hat. Das sind reiche Länder, von dort kamen die Autos her und so weiter,  mehr nicht.

Die, die mehr über Europa wissen kann man in zwei Gruppen aufteilen.

Einerseits gibt es eine Klasse der meist politisch rechts ausgerichteten Manager. Sie sehen Europa als einen Ort, an dem sie sich fortbilden und spezialisieren können, um dann in ihre Heimat zurückzukehren, und dort das Land weiter auszubeuten.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die eher sozial eingestellt sind. Sie finden Europa sehr gut. Hauptsächlich wegen der besseren Justiz und des Rechtssystems. Vor allem die nordischen Länder werden geschätzt. Dies ist allerdings ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung”.

Kommen wir noch genauer auf Europa zu sprechen. Wie findest du die Idee der europäischen Länder, sich politisch zu einer Union zu vereinigen?

“Ich denke, es ist eine sehr gute Idee, die einfach schlecht umgesetzt wird. Bevor man eine Wirtschaftsunion bildete, hätte man sich politisch zusammenschließen müssen. Man kann keine wirtschaftliche Union mit anderen Ländern schließen, ohne ein stabiles Fundament zu haben, auf dem man aufbauen könnte. Es ist eine neoliberale, konservative Union, die eine gemeinsame Währung benutzt mit dem gleichen Ziel, das arme Länder auch haben. Nämlich die Reichen immer noch reicher zu machen. Es ist sehr traurig, dass solch ein großes und gutes Projekt so schlecht realisiert wurde”.

StraßeDas wäre auch meine nächste Frage gewesen, nämlich, ob du zufrieden mit der Umsetzung bist. Denkst du, dass es besser wäre, sich wieder weiter  voneinander zu entfernen, im Klartext, weniger Integration?

“Ich glaube, generell braucht die Welt mehr Integration. Ich bin politisch links eingestellt. Sprich, ich bin der Meinung, dass Grenzen Hindernisse für die Menschen darstellen. Allerdings sollte man gleichzeitig die kulturellen Hintergründe und Prinzipien jedes Landes berücksichtigen.  Man kann beispielsweise Katalanen nicht dazu zwingen, Spanisch zu reden, wenn sie es nicht wollen. Wenn sie katalanisch sprechen wollen, dann sollen sie das doch machen. Genauso kann man die Franzosen nicht dazu zwingen, Englisch zu sprechen. Das heißt, eine gut aufgebaute Europäische Union mit stabilen sozialen Fundamenten wäre ausgezeichnet.

Aber die Ziele, die die Politik jetzt verfolgt, sind wirtschaftlicher Art. Man hätte meiner Meinung nach sehr gut eine politische Union gründen können unter Berücksichtigung der sozialen Aspekte. Erst danach käme die Einheit. Die  gemeinsame Währung hätte der letzte Schritt sein sollen. Es ist boshaft, einer Nation finanziell nur unter die Arme zu greifen unter der Voraussetzung von großen Einsparungen. Das legt ihre komplette Wirtschaft lahm [ bezogen auf Spanien, Anm. d. Red.] Es wird nichts mehr investiert, die Menschen kaufen nicht mehr, der Umsatz  bricht ein. Das ist völlig kontraproduktiv und bösartig”.

Europa befindet sich, wie auch andere Staaten weltweit, in einer Krise. Glaubst du, dass wir sie überwinden können, oder bist du der Meinung, dass die Union daran zerbrechen wird?

“Ich bin einer derer, die sagen, wir befinden uns nicht im Kapitalismus, sondern in einem auf Geld beruhenden Feudalismus.

Die Reichen von vor 200 Jahren haben nur ihre Gestalt geändert. Die Macht haben immer noch die wenigen, die heute das Geld haben, denn Geld bedeutet Macht. Das heißt, die Ideen, die Europa zugrunde liegen, sind wunderbar, aber solange Menschen nach Macht und Geld streben, sehe ich da schwarz…

Das schlimmste ist, sie merken nicht, dass es letztendlich auch ihr Planet ist, den sie zerstören. Es tauchen verrückte Idee auf, man könne doch auf andere Planeten ausweichen, oder sich mit dem Geld kleine Zufluchtsorte schaffen  und anderes… Wofür so viel Macht, so viel Geld? Der jetzige Feudalismus  verhindert, dass die Gesellschaft sich normal entwickelt. Das passiert in jedem Land, auch in der EU. Wir erholen uns von einer Krise und stürzen in die nächste. Die neuesten Einschätzungen von Ökonomen lauten, die Wirtschaft geht wieder aufwärts, aber die nächste Krise wird dreimal so schlimm. Und sie wird in kürzester Zeit hereinbrechen. Ich bin in der Hinsicht sehr pessimistisch… Anscheinend müssen wir das Leben genießen. Trotz allem müssen wir lachen und  tanzen”. 🙂

Luis.cocoa-452911_960_720Deutschland ist derzeit in einer sehr dominanten Position innerhalb der EU. Was denkst du über die Politik Merkels und was würdest du ihr gerne sagen, wenn du könntest?

“Ich würde ihr sagen, das sie zurücktreten soll (lacht);  dass sie ehrlichen Menschen den Weg frei machen soll. Mir tut es Leid, dass die deutsche sozialdemokratische Basis sich mit der konservativen vereint, einfach um wirtschaftliche Interessen zu verfolgen. Schau, was jetzt mit Syrien passiert, letztendlich provozierst du ein Problem in einem anderen Land, nur um dich zu bereichern, und es kommt ein viel größeres Problem zu dir zurück. Ich beziehe mich auf die Flüchtlinge, die nach Europa kommen. Es wird aber auch mit dem Wasser sein, mit der Energie, mit allem. Ich verstehe nicht, warum so intelligente und mächtige Leute nicht zehn Jahre voraus denken. Wieso schließt sich ein Land wie Deutschland nicht mit anderen Ländern wie Frankreich oder England zusammen, um Länder wie China oder die USA andere davon zu überzeugen, dass ihr kapitalistisches Verhalten zu Unterdrückung der Bevölkerung in ärmeren Ländern führt?

Die Flüchtlinge sind eine tickende Zeitbombe innerhalb der Gesellschaft. Die Menschen werden nicht aufhören, aus Krisenländern zu flüchten. Sei es aufgrund von Kriegen, weil sie einfach nichts zu essen haben oder wegen Wassermangel, sie werden nicht aufhören.  Was bringt es dir, mehr Autos, oder Sprit zu verkaufen, wenn am Ende deine eigene Bevölkerung die Leidtragende ist? Was hast du davon, für eine Periode von fünf bis zehn Jahren Wohlstand für eine bestimmte Gruppe an Leuten zu haben, wenn es danach anderen umso schlechter geht? Also ich würde allen Konservativen auf der Welt sagen, nehmt das Geld mit, das ihr angehäuft habt, geht an einen anderen Ort, in eure Welt des Egoismus, und schlagt euch den Magen voll mit eurem Geld. Was denkst du?”

Ich denke, dass die deutsche Bevölkerung blind ist dafür, was in anderen EU Ländern passiert. Hier leben wir in wirtschaftlichem Wohlstand und sind deswegen zufrieden mit der Politik. Allerdings sorgt  die jetzige Regierung überhaupt nicht für die Zukunft vor. Wir geben beispielsweise ein Minimum für die Schulbildung aus, die unverzichtbar ist für einen zukünftigen Wohlstand Deutschlands. Außerdem haben wir in den letzten Jahren unsere Asylheime nicht gut in Stand gehalten, jetzt sind wir natürlich völlig überfordert mit den Flüchtlingen, die kommen.  Wir sind beruhigt durch unseren Wohlstand, aber sehen nicht dass in großen Teilen der EU der Bevölkerung schlecht geht. Wir wissen es natürlich, aber wir können es uns nicht vorstellen. 

Luis.colombia-1247667_960_720“Weißt du, ich verstehe gewissermaßen die Kolumbianer. Um eine Vorstellung zu haben, die Hälfte der Bevölkerung verdient weniger als 250€ umgerechnet im Monat. Die Menschen dort haben nicht die Möglichkeit, sich zu informieren. Sie können sich keine Bücher kaufen, Zeitschriften, erst recht kein Tablet und Internetempfang. Es ist logisch, dass die Regierung selbst einen großen Einfluss auf sie hat, dass der jetzige korrupte Präsident Uribe 7 Mio. Stimmen erhält. Ich mache dem armen Kolumbianer keine Vorwürfe. Aber ich kann sehr wohl die deutsche Bevölkerung beschuldigen.  Die Menschen haben ein Stimmrecht und viele Möglichkeiten, sich zu informieren. Immer, wenn sie andere Länder reisen, können sie sich mit der dortigen Situation vertraut machen”.

Und wir reisen doch so oft, stimmts?

“Die Deutschen reisen so viel in der Welt herum und sind nicht dazu in der Lage, zu erkennen, dass es in anderen Ecken der Welt nicht gut ist. Und zwar mit dem Zweck, dass sie selbst im Wohlstand leben. Wir leben in Armut, deshalb sind wir abgehängt. Die Armut und Korruption bewirkt, dass die Menschen nicht zu ihrem Recht kommen. Aber wenn man ganz vorne mit dabei ist, und dann seine Stimme so abgibt, dass man andere Menschen daran hindert, zu ihrem Recht zu kommen, dann verstehe ich das nicht”.

Ich muss zugeben, das sind teilweise schon krasse Ansichten, die du hast. Ich kann aber schon nachvollziehen, wie sie zustande kommen. Danke für deine Offenheit!