Miriam aus der Schweiz

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Grüne Wiesen, Toblerone, prestigeträchtige Banken, spitze Berge und diese lustige Sprache. Ein bisschen eigen, aber doch hoch angesehen – Das oder ähnliches ist es, was uns beim Schlagwort Schweiz liebevoll einfällt.  Die Schweiz – mitten in Europa, aber doch nicht wirklich zugehörig? Fragen wir doch einmal eine junge Studentin, Miriam die 23 Jahre alt ist und in der Nähe von Zürich lebt.

Was hältst du von der Idee der europäischen Länder, politisch zusammenzuwachsen und sich zur EU zusammenzuschließen? Wie findest du es, dass die Schweiz nicht dazugehört?

“Den Grundgedanken der EU finde ich gut und es hat schon gute Dinge an sich, muss aber jetzt sagen, dass ich froh bin, nicht dazuzugehören. Allerdings ist die Schweiz ja sowieso ein Spezialfall, wir haben so viele Verträge mit der EU, sodass wir eigentlich das Gute bekommen, aber das Schlechte nicht, das finde ich auch nicht wirklich gerecht”.

Was habt ihr nicht, was die EU-Länder haben?

“Den Euro haben wir nicht…”.

Ja. Hättest du gerne den Euro?

“ Hm… eigentlich lieber nicht, ich finde es spannender, wenn man in andere Länder geht und dort in einer anderen Währung zahlen muss. Ich bin eigentlich gegen eine Homogenisierung von allem. Darum bin ich schon glücklich, wenn ich fremdes Geld in der Hand hab”.

Das ist mal eine neue Sichtweise, die ich noch nie gehört hab. Immerhin muss man immer in die eigene Währung umrechnen und noch vieles mehrswitzerland-985566_960_720, was Nachteile mitsichbringt.

“Ja. Überall mit der gleichen Währung zu bezahlen, hat aber sicherlich auch seine Vorteile.

Außerdem ist das Schengenabkommen auch ein europäischer Vertrag, aber davon profitiert auch die Schweiz.

Ansonsten wird das Erasmusprogramm bei uns nicht angeboten. Es wurde nämlich über das Einwanderungsgesetz abgestimmt, und da fiel dann auch Erasmus darunter. Damit haben sie sich selbst ein Ei gelegt. Aber jetzt wurde ein eigenes Gesetz ausgehandelt, das dem europäischen Stipendium gleichkommt, das wird nun vom Bund gezahlt”.

Wie beurteilst du die Beziehungen zu den anderen Ländern und die Meinung der EU Bürger über euch?

“Ich hab schon das Gefühl, wir haben einen Sonderstatus. Ich glaube, wir haben auch manchmal Vorteile gegenüber anderen EU-Ländern. Wenn man sagt, man kommt aus der Schweiz, dann ist das schon etwas Gutes, man wird höher angesehen, aber manchmal auch als Geizhals betrachtet. Ob das damit zu tun hat, das wir nicht in der EU sind, oder nicht, weiß ich nicht. Aber ich denke, es hängt unter anderem mit der guten wirtschaftlichen Lage der Schweiz zusammen .“

Ihr seid ja Teil des europäischen Kontinents, aber ihr fühlt euch nicht direkt als Europäer, oder? Das ist tatsächlich eine Einstellung, die auch Bürger aus EU-Ländern haben.

“Nein, ich fühle mich schon als Schweizerin. Das kommt daher, dass „Europa“ nicht auf meinem Pass steht. Ich bin auch gegen Grenzen, aber ich finde es nicht gut, wenn man anfängt, alles zu homogenisieren. Das ist irgendwie ein Widerspruch, das fällt mir jetzt erst auf… Eigentlich sollte man sagen, ich bin auf der Welt. Also sollte ich tendenziell eher sagen, ‘ ich bin Europäer’ und nicht ‘ich bin Schweizer’”.

Also findest du es schlecht, dass du sagst, du bist Schweizer.

“Ja, weil ich Grenzen schlecht finde, aber dann sollte man konsequent auch die Grenzen von Europa auflösen. Dann würde man sagen, man lebt auf der Erde”.

chocolate-799397_960_720Aber die anderen müssen einen ja auch erkennen. Man sagt ja eher, man ist Deutscher, Schweizer, um den
anderen über seine Herkunft zu informieren. Man kann ja nicht sagen, ich komme von der Welt.

“Ja, schon, aber dann „Ich komme von dort“, nicht “ Ich bin der und der“.

Was habt ihr für Nachteile, nicht in der EU zu sein?

“Ich weiß nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass es als EU-Bürger leichter sein könnte, für manche Länder ein Visum zu bekommen. Schließlich hat die Union einen Sonderstatus und weckt, glaube ich, mehr Vertrauen.

Außerdem bin ich genau genommen auch EU Bürger, da ich auch einen schwedischen Pass habe. Mit dem reise ich innerhalb der EU lieber, ich fühle mich sicherer dabei. Wenn es während der Reise zu Komplikationen kommt, ist es als EU-Bürger einfacher, diese zu klären, glaube ich.

Auch ein wichtiger Punkt sind die Portogebühren, wenn man etwas auf ausländischen Internetseiten bestellt. Sie sind viel höher, als die innerhalb der EU. Manche Anbieter liefern erst gar nicht in die Schweiz. Ich habe zum Beispiel mal etwas aus England bestellt für 80 Franken und musste 30 Franken Lieferkosten und Zoll bezahlen. Als ich es zurückschicken wollte, weil es nicht gepasst hat, hat es wieder 20 Franken gekostet. Das hat sich gar nicht gelohnt”.

Woran liegt es, dass ihr nicht Teil der EU seid?

“ Das Problem ist, die Schweiz ist ein sehr konservatives Land, die meisten sind eher rechts eingestellt. Die rechten Politiker finden die EU nicht gut. Sie haben prophezeit, dass wir die ärmeren Länder finanzieren müssen, weil wir mehr Geld haben, wir würden ausgebeutet werden. Sie haben den Wählern vor den Volksabstimmungen zum EU-Beitritt Angst gemacht. Da Angst die stärkste Emotion ist, die man in jemandem auslösen kann, hatten sie Erfolg damit. Man hatte ganz klar auch Angst vor Überfremdung und zu starker Einwanderung. Davor, dass man die Richtlinien für die Einwanderung nicht mehr selbst bestimmen könnte, sondern sie von der EU bestimmt würden. Auch der Nationalstolz ist in der Schweiz groß, all dies hat dazu geführt dass die Schweizer schließlich gegen den Beitritt gestimmt haben”.

Du hast bereits die Volksabstimmungen erwähnt. Glaubst du, dass die Schweizer Bürger durch dieses besondere Recht, so viel mehr mitbestimmen zu können, auch mehr an Politik interessiert sind, als die Menschen in anderen Ländern?amden-875880_960_720

“Nein, absolut nicht. Das war früher so, als das Stimmrecht eingeführt wurde, und auch, als die Frauen ihr Recht dazu erlangten. Jetzt aber habe ich das Gefühl, die Leute wissen es gar nicht mehr zu schätzen. Ich kenne auch viele junge Menschen, die nicht abstimmen. Im Moment gibt es mehr ältere als junge Leute, die wählen gehen.  Ich finde es sehr schade, dass die Jungen es nicht tun, schließlich sollten sie sich um ihre Zukunft kümmern. Es ist ein Privileg, diese Tatsache vergessen sie.

Danke dir für das Gespräch!