Pedro aus Mexiko

In diesem Interview haben wir mit Pedro und Anna gesprochen. Pedro ist aus Guadalajara in Mexiko und Anna eine Deutsche. Die beiden haben sich kennen – und lieben gelernt, als Anna in Lateinamerika ein Praktikum gemacht hat. Nach einem Jahr Fernbeziehung ist er ihr nun nach Deutschland gefolgt und möchte sich hier ein Leben aufbauen. Was sagt Pedro über Mexiko, fällt ihm die Eingewöhnung in Deutschland schwer? Diese und andere waren Fragen, die wir ihm gestellt haben.

Das Interview wurde im September 2015 geführt.

 

Hast du einen Lieblingsort in Mexiko?Schildkröte

Ja, mein Lieblingsort ist der Strand, das Meer.

Wenn jemand nach Mexiko reist, und dich fragt, wo er unbedingt hin muss, sagst du ihm dann, er soll an den Strand fahren? Ja, der Strand, absolut, und v.a. der Strand von Salyulita, mit ihm identifiziere ich mich am meisten und er von Gadalahara aus der nächste und schönste. Aber natürlich gibt es auch viele andere wundervolle Strände.

 

Was vermisst du am meisten hier in Deutschland?

Es klingt komisch, aber da ich gerne in der Natur bin, vermisse ich den Kontakt mit Tieren, v.a. mit Hunden, sie zu streicheln und so weiter, ich gehe sehr offen mit ihnen um. Hier in Deutschland kommt es mir so vor, als ob die Leute eifersüchtig sind, wenn ihre Tiere gestreichelt werden, sie mögen es nicht. Und außerdem natürlich auch das Essen, die Tacos zB. Und v.a. das Essen auf der Straße. Wenn du in Mexiko abends ausgehst und noch Hunger hast, dann ist das kein Problem, denn es gibt an jeder Ecke Stände mit Tacos, Hamburger und so weiter. Hier gehst du um 20 Uhr aus dem Haus und du weißt, du bekommst garantiert nichts mehr zu essen außer im Restaurant.

 

MünchenHast du schon einmal darüber nachgedacht, aus Mexiko auszuziehen, bevor du Anna kennengelernt hast?

Nein, nie. Ich hab immer gedacht, ich werde mein Leben dort verbringen. Ich liebe meine Heimat, ich liebe es, dass die Menschen dort so warmherzig sind, mir fehlt es dort an nichts. Klar wollte ich immer reisen, die Welt sehen, aber auch immer zurückkehren nach Mexiko. Tja…und jetzt habe ich Anna kennengelernt und bin hier.

 

Willst du hier studieren?

Ja, ich will hier studieren, will hier arbeiten und mir ein Leben aufbauen, alles ganz normal. Ich hab diese Entscheidung getroffen und es gibt keinen Weg zurück, denn im Grunde liebe ich Anna. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch für eine Arbeit, dabei hat mich der Chef gefragt, ob ich Mexiko vermisse. Ich hatte nicht einmal einen Moment um Mexiko zu vermissen, denn ich bin hier mit der Person mit der ich zusammen sein will. Wobei… heute ist der Tag der Unabhängigkeit, also jetzt wo ich daran denke, muss ich schon zugeben, dass ich Mexiko etwas vermisse.

 

Unterstützt dich deine Familie in deiner Entscheidung?Menschen

Es ist so, in Lateinamerika bedeutet deine Mutter für dich sehr viel. Sicherlich ist es auf der ganzen Welt so, aber in Lateinamerika besonders. Du verlässt deine Mama nicht einfach, deine Mama ist deine Mama. Ich habe also meiner Mutter die Situation erklärt, sie hat mir am Anfang viele Fragen gestellt… ob ich wirklich davon überzeugt bin und so weiter. Aber sie hat mich schon immer in allem unterstützt und so hat sie auch hierbei gesagt: Es ist deine Entscheidung und ich unterstütze dich, egal wo du hingehst, du wirst immer mein Sohn bleiben. Also nach außen hin hast du zwar diese Unterstützung, aber du weißt dass sie innerlich denkt: Geh nicht! Aber natürlich bin ich durch diese Unterstützung schon mal ruhiger, als wenn ich meine Eltern nicht hinter mir stehen hätte.

 

Könntet ihr euch eine gemeinsame Zukunft in Mexiko vorstellen?

 

Anna: Es kommt darauf an. Wenn wir eine Familie und Kinder wollen, dann nicht. Die Sache ist, dass die Schulbildung in Deutschland preiswert und zugleich gut ist.

Pedro: Ich würde es nie ausschließen, in Mexiko zu leben. Allerdings, wenn ich Vater werden wollte, dann kann man schon sagen, dass es besser ist, aus Mexiko auszuziehen. Tatsächlich ist das dortige Schulsystem sehr schlecht. Um meinen Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen, muss man zu viel Geld zahlen. Die staatlichen Schulen kümmern sich wenig um wirkliche Erziehung.

Wenn Kinder in der Schule in kritische Situation geraten, Streitigkeiten mit Mitschülern oder sonstiges, dann wird dir erst zu Hause erklärt, wie du dich verhalten sollst, was gut ist und was schlecht. Das alles sollte eigentlich Aufgabe der Lehrer sein, zu schlichten, zu vermitteln, sich um die Kinder tatsächlich zu kümmern, aber sie interessieren sich nicht dafür.

 

Wenn du die Chance hättest, eine Sache an deiner Heimat zu ändern, was wäre es?

Es gibt wirklich viele Dinge zu verändern.

Tag der TotenKlar, es ist eine schwierige Frage, aber vielleicht findest du trotzdem eine Antwort.

Naja… man versucht oft die schlechten Dinge nicht zu erzählen, aber in diesem Fall… würde ich die Korruption abschaffen.

In Mexiko ist alles eine Frage des Geldes. Sagen wir mal, ein Drogendealer wird verhaftet. Er muss den Polizeiangestellten nur genug Geld geben, und sie lassen ihn frei. Drogendealer gehören ins Gefängnis, sonst nichts, schließlich verkaufen sie nicht nur Drogen, sie töten, entführen usw. Um an die Macht zu kommen, muss erst einmal viel Blut fließen. Wenn die staatlichen Stellen sich bestechen lassen, ist jede Anstrengung gegen den Drogenkrieg umsonst.

 

Ich habe noch ein anderes Interview mit einem Kolumbianer geführt. [Das gibt es in zwei Wochen zu lesen]. Um einmal als Außenstehender nicht alle Lateinamerikanischen Länder über einen Kamm zu scheren, was sind die Unterschiede zwischen den beiden Ländern, was hast du über Kolumbien gehört?

Tatsächlich weiß ich nicht viel über Kolumbien, ich kann nur das sagen, was man bei uns gewöhnlich über Kolumbien sagt. Sie haben dort angeblich das beste Kokain. Außerdem spielen sie dort sehr gut Fußball. Über Venezuela könnte ich dir mehr erzählen.

Okay, schieß los.

Ich habe einen Freund aus Venezuela, habe ihn hier in Deutschland kennengelernt. Er sagt, dass die finanzielle Situation dort fatal ist. Man lebt in ständiger Unsicherheit, ob man am nächsten Tag noch Geld hat, um sich Essen zu kaufen, oder ob die Preise am nächsten Tag so stark angestiegen sind, dass man es sich nicht leisten kann. Man geht ins Kino mit einem großen Pack an Geldscheinen, und man gibt sie auch alle aus, weil die Währung dort so wenig wert ist. Sie wird langsam durch den Dollar ausgetauscht, weil der verlässlicher ist. Deshalb ist er direkt nach dem Studium nach Deutschland ausgewandert.

 

Bayerische TrachtWelches Bild haben Mexikaner vor Augen, wenn Europa erwähnt wird?

Normalerweise, wenn wir „Europa“ hören, wissen wir, dass es in vielen Dingen weiter entwickelt ist. Mexiko ist ein Drittweltland, zumindest in vielen Bereichen. Wenn wir von Deutschland hören, dann wissen wir, dass es in allen Angelegenheiten ständig auf dem neuesten Stand ist.

Um beim ganzen Kontinent zu bleiben, Europa ist für uns der Inbegriff des Traums, die große weite Welt zu bereisen. Wenn wir hören, dass jemand nach Europa fliegt, sind wir begeistert! Es ist der Hauptgewinn, das Beste, was man machen kann! Genauso, wenn jemand in die USA reist, das ist auch eine super Sache. So kann man sich dieses Gefühl vorstellen.

Viele Leute wollen auch nach Europa auswandern, in die USA sind schon so viele gegangen, man könnte sagen, der Zauber ist etwas verflogen. Man hat jetzt auch Lust auf eine völlig neue Welt, die in Lateinamerika noch nicht so bekannt ist. Außerdem wissen wir, dass hier die Lebensumstände in vielen Dingen besser sind.

 

Wenn du einen Aspekt an Deutschland verändern könntest, was wäre es?

„Mich stören die Abgrenzungen zwischen den Nationen, die große bürokratische Hürden  mit sich bringen. Diese Einstellung: Ich bin aus diesem Land, ich bin besser als du, ich darf hier so lange bleiben wie ich will. Wenn man nicht aus Deutschland, oder zumindest Europa ist, dann muss man erstmal ein Visum beantragen, das allerdings nur für eine bestimmte Zeit gültig ist. Nach Ablauf muss ich noch einmal ausreisen, um danach wieder ein weiteres Visum zu bekommen, das ist unnötig.

Klar, das ist in allen Ländern so. Ich verstehe das, und als ich selbst noch nicht persönlich damit in Kontakt kam, hab ich mich daran auch nicht gestört. Jetzt, da ich selbst Erfahrungen damit gemacht habe, würde ich das allerdings ändern. Es hindert einen nur daran, sein Leben aufzubauen und voranzukommen im neuen Land. Vielleicht muss ich in ein paar Monaten wieder ausziehen, alle Mühe, die ich hier reinstecke, wäre umsonst. Nur weil der Staat das ‚eben so entscheidet‘, diesen Gedanken hat man immer im Hinterkopf. Mit dieser Unsicherheit lebt man ständig. Alle meine schlechten Momente, die ich hier in Deutschland bis jetzt verbracht habe, drehten sich um diese Hürde. Jetzt habe ich ein Touristenvisum für drei Monate. Mit diesem darf ich noch nicht Arbeiten. Allerdings muss ich innerhalb dieser Zeit ein Arbeitsangebot finden, um mein Visum verlängern zu lassen. Also ist da auch der Druck, unbedingt einen Job finden zu müssen. Da steht noch mehr auf dem Spiel, als bei einer gewöhnlichen Arbeitssuche“.

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Was gefällt dir in Deutschland am besten?

Tja, das Beste was mir am Deutschland gefällt, ist Anna

Ja, ich wusste genau, dass du sagst!

Ja, es gibt Leute, denen der Ort an dem sie wohnen sehr wichtig ist, aber für mich sind nur die Menschen wichtig, mit denen ich zusammen bin.

Anna: Und außer mir?

Naja, es gefällt mir, dass in Deutschland die Städte so sauber sind, man sieht gar keinen Müll auf den Straßen, die Luft ist gut. Sie ist wirklich um einiges besser, als die in lateinamerikanischen Städten! Die Häuser sind schön und klein. Außerdem sind Deutsche sehr ordentlich. In Lateinamerika sind die Menschen locker, chaotisch, nachsichtig, nicht so streng. Natürlich wird im Ausland die Einstellung der Deutschen belächelt. Nichts darf aus der Reihe tanzen. Man denkt als Außenstehender, diese Disziplin würde einschränken.  Wenn man es sich genauer ansieht, dann erkennt man allerdings, dass das gut ist, dass sie dadurch ein gutes Leben führen. Es gefällt mir, ich kann es mir abschauen, wenn ich mit so einem Menschen zusammen lebe. Ich sehe dabei an mir selbst, dass ich viele Vorteile von solch einem Verhalten habe.