Work and Travel in Kanada & USA

Immer mehr junge Menschen sehen in der Ungebundenheit nach dem einen oder anderen
Bildungsabschluss die Chance, unbekannte Orte zu entdecken, dort interessante Erfahrungen zu
machen und die eigenen Sprachkenntnisse zu erweitern. Sie alle fahren mit ähnlichen Zielen weg,
zurück nach Hause kehrt jeder einzelne mit seinen ganz individuellen Erfahrungen. Karo, die jetzt
22 Jahre alt ist und in Passau studiert, hat nach dem Abitur in Kanada und den USA Work and
Travel gemacht.Nationalpark Banff

Wie ist es ihr dort ergangen?
Mit was für Vorstellungen, oder auch Plänen bist du nach Kanada gegangen?

“Ich habe an wunderschöne Natur gedacht, an diese Mischung aus Natur und Städten und hab mir vorgenommen, dass ich viel reisen will. Ich hatte davor ja nur ein Hostel in Vancouver gebucht, aber nur für ein paar Tage, und dann…mal sehen… Ich dachte, dass es total einfach wird, dort einen Job und eine Wohnung zu finden, aber es war schwerer als gedacht. Das war dann schon ziemlich ernüchternd. Vor allem dachte ich, es würde schon alles klappen und schön werden, und wenn nicht, dann würde ich eben nach zwei Wochen wieder nach Hause fahren und hätte einen schönen Urlaub gehabt.
Ich hatte außerdem während des Fluges wirklich Angst, weil ich wegen der Visabestimmungen bis
zur Ankunft nicht hundertprozentig wusste, dass ich ein Visum bekomme. Natürlich habe ich alle
Vorgaben erfüllt, aber ein kleiner Rest Unsicherheit bleibt trotzdem.


Wie war deine Reiseroute?

„Ich bin erst nach Vancouver geflogen und dort bis Anfang Januar geblieben. Danach war ich in
den Bergen in Banff bis Ende April. Sechs Wochen bin ich dann die US-Westküste
runtergefahren von Seattle bis nach San Diego, Las Vegas, dann an den Grand Canyon, von dort zurück nach
Las Vegas. Als mir das Geld ausgegangen ist, bin ich wieder nach Kanada zurückgekert, um zu
arbeiten. Nach einem längeren Aufenthalt, bin ich noch einmal in Kanada herum gefahren und hab
mir das Land im Sommer angeschaut.
Als ich in Victoria angekommen bin, hab ich mir nochmal einen Job gesucht und bin ungefähr zwei
Monate geblieben. Vor meiner Heimkehr war ich noch ein paar Wochen mit meiner Arbeitskollegin
unterwegs.
Der Rückflug nach Deutschland war dann wirklich komisch. Man sitzt am Flughafen, es ist alles
vorbei, und jetzt fängt wieder etwas ganz Neues an. Es ist ja so ungewiss, wie es weiter geht. Ich
konnte mich gar nicht richtig freuen, ich war richtig emotionslos. Ich fand es gut, dass ich geflogen
bin, weil es ein passender Zeitpunkt war, schließlich sind elf Monate vergangen. Irgendwann reicht
es ja dann auch.
Andererseits ist da eben auch diese Ungewissheit über die Zukunft. Außerdem wusste ich, dass
ich mich verändert hatte, aber ich wusste nicht genau, wie. Das kriegt man dann erst durch den
Vergleich mit Freunden zurückgemeldet.”

Welche Orte von denen, die du besucht hast, kannst du am meisten weiterempfehlen?
Welche sind dir am meisten im Gedächtnis geblieben?

„Das ist schwer zu sagen, der eine fühlt sich in einer Großstadt wie Vancouver am wohlsten, der
andere in der Natur, dann sollte man eben mehr in die Berge fahren. Nach Banff, in die Rocky
Mountains oder nach Whistler. Das Land hat jedenfalls zu viel zu bieten. Vancouver hat mir
persönlich super gefallen, weil ich einfach eine tolle WG dort hatte. Außerdem hat die Stadt alles
zu bieten, Berge, Meer, den Großstadtflair, es ist alles in einem. Banff fand ich unfassbar genial,
Mittel in den Bergen, das war richtig toll.
In den USA fand ich Seattle toll, und Las Vegas hat mich auch überrascht. Ich hatte nicht erwartet,
dass es mir gefällt“.

Las VegasEs gibt ja diese Touristenmagneten, die immerzu angepriesen werden, aber am Ende doch
nicht so toll sind. Auf welche Orte trifft das deiner Meinung nach zu?

„Dieses Gefühl hatte ich bei San Francisco. Ich denke aber auch, dass das genau von diesen großen Erwartungen kommt. Die Leute wiederholen immer, wie wunderbar es ist. Man kommt dann mit so großen Vorstellungen dort an, die eine Stadt gar nicht erfüllen kann. Sicher hängt es auch von dem Leuten ab, die man trifft. Ich war ja teils mit einer Freundin unterwegs, die ich dort kennenlernte, und bin teils alleine gereist. In San Francisco war ich alleine
und fand es auch schwieriger als in anderen Städten, Anschluss an andere Leute zu finden.”

Wie war es denn für dich, alleine zu reisen?

„Ich muss sagen, es war schon eine gute Erfahrung, die ich jedem empfehlen würde. Es ist etwas
völlig anderes, als zusammen unterwegs zu sein. Ob ich es noch einmal machen würde, weiß ich
nicht. Wahrscheinlich nicht, aber es ist einfach ein komplett anderes Gefühl. Du gehst viel offener
auf andere Menschen zu. Schließlich bist du ein bisschen dazu gezwungen, du kannst ja nicht die
ganze Zeit eigenbrötlerisch für dich allein sein. Es ist interessant, welche Leute du dann
kennenlernst und was für Geschichten du hörst. Man ist außerdem ungebundener und kann seine
Zeit selbst gestalten.
Am besten fand ich es, mit meiner Mitbewohnerin unterwegs zu sein. Wir sind zwar zusammen
gereist, aber jede hat gemacht, worauf sie selbst Lust hatte. Wir haben uns nicht aneinander
geklammert. Die eine hatte etwas vor, und die andere hat sich angeschlossen, wenn sie Lust
darauf hatte, oder eben nicht. Wir haben jedenfalls nicht das gleiche gemacht, weil wir uns
verpflichtet gefühlt hätten.
Das geht aber auch nur gut, wenn man weiß, dass es dem anderen nichts ausmacht, etwas für
sich selbst zu unternehmen, statt Rockzipfel zu hängen“.

Wie lange bist du denn letzten Endes alleine gereist?

„Die Hälfte ungefähr war ich mit ihr unterwegs, und die andere Hälfte alleine, also schon relativ
viel“.Grand Canyon

Was für Leute hast du auf dem Weg getroffen, die dir am meisten im Gedächtnis geblieben
sind?

„In Kanada hat es mich überrascht, dass die Leute unfassbar nett, höflich und hilfsbereit sind. Es gibt ständig jemanden, der dir hilft, den Koffer zu tragen. Sie stellen sich vor dem Bus in einer Schlange auf und bedanken sich beim Busfahrer, wenn sie aussteigen. Ich habe das nach meiner Rückkehr in Deutschland auch noch fortgeführt. Irgendwann hört man eben auf damit, weil es einfach keiner macht. Einmal wollte ich WOOFing auf einer ökologischen Farm machen, also dort für Übernachtung und Verpflegung auf dem Bauernhof helfen. Das war aber schrecklich. Es hat gar nicht geklappt, also bin ich wieder zurück nach Vancouver. Als ich dort ankam, hat eine Frau gesehen, dass ich so
verzweifelt und völlig am Ende war. Sie meinte zu mir, sie wohne in der Nähe und hat mich
gefragt, ob ich bei ihr eine Nacht übernachten wolle, also bin ich bei ihr geblieben. Sie kannte mich
ja gar nicht, das war total nett. Es hat mich überrascht, dass sie Fremden einfach so ihre Hilfe
anbieten“.

Haben sich deiner Erfahrung nach die Klischees über die Menschen erfüllt?

„In den USA fand ich, je südlicher man kam, desto künstlicher waren die Leute, und desto
aufgesetzter war ihre Freundlichkeit. Diese übertriebene ‚Oh, how is it going?‘. Das hat mich schon
ein bisschen genervt. Dieses Klischee hat sich dabei schon bestätigt, aber es kommt eben darauf
an, wo genau man ist.”

thumbnailWas gibt es denn für Unterschiede zu den Deutschen?

„Sie sind tatsächlich offener als Deutsche, sowohl die Kanadier als auch US-Amerikaner. Im Smalltalk sind sie gefühlt wirklich die Weltmeister. Die Deutschen sind ja nicht so versiert, was das angeht. Die Freundschaften sind dafür aber auch oberflächlicher. Es ist bei uns eben schwieriger,
dich erst einmal zu integrieren, aber wenn du das geschafft hast, dann sind deine Freunde auch wirklich da für dich, wenn du sie brauchst. Die Freundschaften dort sind eben nicht so fest und beständig“.

 

Wie war denn der Umgang mit Arbeitnehmern?

„Die Gesetze sind nicht so streng, ganz nach dem Motto ‚Hire-and-Fire‘.
Das heißt, es ist einfach, eingestellt zu werden. Wenn ihnen deine Arbeit aber nicht passt, dann feuern sie dich von einem
Tag auf den anderen. Ich habe ja dort Vollzeit, oder mindestens Teilzeit gearbeitet, das fand ich
dann schon heftig, schließlich ist man ja auf das Geld angewiesen. Wenn ich an Menschen denke,
die Verantwortung für Kinder tragen, dann ist das schon ganz schön hart. Besonders seltsam fand
ich außerdem, dass ich keinen einzigen Vertrag unterschrieben habe“.

Sind in Kanada viele Leute unterwegs, die, wie du, Work and Travel gemacht haben, so wie
zum Beispiel in Australien?

„Es gibt für jedes Land ein Kontingent an Work-and-Travel-Visa,
ich glaube für Deutschland gab es 4.000 Stück pro Jahr“.
Das heißt, du musstest es auch dementsprechend früh beantragen.

„Genau, die sind relativ schnell vergeben. Ich hab mich ein halbes Jahr früher dafür beworben. Ich
glaube, in den USA gibt es noch mehr Kapazitäten. Dort ist es noch beliebter. Mit Australien kann
man das aber noch nicht vergleichen“.


totems-52314_960_720Hattest du viel mit Einheimischen zu tun?

„Ja, durchaus, aber das Land ist sehr multikulturell. Meine Mitbewohnerin zum Beispiel kam aus Indien, hat in Kalifornien studiert und in Vancouver einen Job bekommen, die andere kam aus Australien und hat in Kanada studiert und die dritte war Irin, hatte aber auch einen Kanadischen Pass. So hatte ich mit Menschen aus aller Herren Länder zu tun. Eine von meinen Chefinnen kam aus dem Libanon, einer meiner Arbeitskollegen aus England, der andere aus Italien. Das ist wirklich ein multikulturelles Land“.

 

Was hast du von deinem Trip mitgenommen, oder auch gelernt?

„Ich muss sagen, als ich heimkam, war ich anfangs schon sehr höflich und hab die Deutschen als
unhöflich empfunden, sie stellen sich nicht am Bus in eine Schlange auf, sie stellen sich nicht
rechts an die Rolltreppe, damit andere vorbeigehen können…In Kanada ist alles sehr geordnet. Es
herrscht zwar auch Eile, aber trotzdem sind die Menschen ruhiger und nicht so hektisch.
Die Kanadische Höflichkeit habe ich dann nach einer gewissen Zeit aber wieder abgelegt. Man
kommt irgendwann einfach wieder in den gewohnten Trott.
Natürlich habe ich auch eine Menge über mich selbst gelernt und über meine eigene deutsche
Kultur. Wenn man zu Hause ist, kennt man nur ganz bestimmte Verhaltensweisen, in der Fremde
merkt man: ‚Hoppla, da ist jemand, der macht das anders als ich‘. Das eigene Verhältnis zu dem
was man als ‚normal‘ bezeichnet, verändert sich.
Klar, ich bin selbständiger geworden, und mein Englisch ist natürlich viel besser geworden. Ich bin
außerdem offener geworden. Unfassbare Orte sind mir im Gedächtnis geblieben. Es gab viele
neue Sachen, die ich ausprobieren konnte, verschiedene Jobs, aber auch Freizeitaktivitäten,
Snowboarden zum Beispiel“.

Victoria in British ColumbiaKannst du ein kanadisches Gericht empfehlen?

„Poutine, eigentlich nichts spektakuläres, aber sehr lecker. Das sind Pommes mit Bratensoße und Käse, die man noch verfeinern kann mit Erbsen, Speck und anderem. Simpel, aber gut“.

Worüber warst du froh, als du wieder nach Hause kamst?

„Ganz ehrlich? Mamis Schweinebraten und deutsches Brot! Dieser Heimatluxus: Alle sich freuen, dass du wieder da bist, es wird für dich gekocht und anderes. Es ist ja doch etwas ganz besonderes, sich von Mama verwöhnen zu lassen, wenn man nach so einer Reise nach Hause kommt.”

 

Da hat man ja wirklich Lust zu verreisen, danke für das Gespräch, Karo!